Mehr als nur Hautschmuck

Sak Yant (Magische Tattoos)

Sak Yant können dem Träger Kraft verleihen und ihn schützen | (c) flickr.com / Marshall Astor

Der buddhistische Glaube in Thailand ist nach wie vor tief verwurzelt mit den ehemals vorherrschenden Naturreligionen, aber auch mit dem dazwischen ebenso weitläufig verbreiteten Hinduismus. Davon zeugt der heute noch tief in den südostasiatischen Buddhismus eingebettete Glaube an entsprechende Gottheiten wie den Affengott Hanuman Gao. Aus dem Hinduismus wurde auch der Glaube an die Kraft von magischen Diagrammen übernommen. Neben Amuletten sind es diese Diagramme, die Schutz, Kraft und andere Attribute verleihen. Schon im Khmerreich Kamboja vor vielen Tausenden Jahren war man sich dieser Kraft bewusst. Und so gehören seit Jahrtausenden sakrale Tätowierungen ebenfalls zu den wichtigen Ritualen des Buddhismus, wie er vornehmlich in Laos, Burma, Kambodscha, Vietnam und natürlich vor allem in Thailand praktiziert wird. Diese religiösen Tattoos werden als "Sak Yant" oder "Yantra" bezeichnet.

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Yantras - eine Jahrtausende alte Geschichte

Sak Yant ist die Ableitung des aus dem Sanskrit stammenden Wortes Yantra in der thailändischen Sprache und steht für das Stechen (Sak) eines religiösen Motivs, das strengen geometrischen Formen folgt (Yant bzw. Yantra). Wie alt die Geschichte der Sak Yant ist, lässt sich schon daher ableiten, dass sie immer noch als "Khmer Tattoos" bezeichnet werden – auch in Thailand. Dass sich diese sakralen Tätowierungen so klar und nicht durch moderne Einflüsse eingetrübt bis ins Heute durchsetzen konnten, lässt sich zum Teil auch mit der kriegerischen Vergangenheit Südostasiens erklären. Zwar gibt es auch verschiedene Sak Yant, die den bevorzugten Attributen des chinesischen Buddhismus wie Wohlstand und Gesundheit Tribut zollen, doch insbesondere Schutztätowierungen gegen Verletzungen und für mehr Kraft sind seit Jahrhunderten die bevorzugten Motive. Das ist auch der Grund, weshalb viele Abbildungen alter südostasiatischer Soldaten diese mit zahlreichen Sak Yant Tattoos verziert zeigen.

Nur das Stechen alleine macht noch keine Magie

Dieser Trend ist nach wie vor ungebrochen. Wer in den Tempeln Thailands, in denen Yantras gestochen werden, einmal die Augen aufhält, wird schnell mitbekommen, dass es insbesondere Soldaten und Polizisten sind, die immer noch mit einem tiefen buddhistischen Glauben an den Schutz der Sak Yant glauben. Allerdings kann niemand in den Tempel (Wat) gehen und um ein spezielles Sak Yant Motiv bitten – schon gar nicht kann die Position am Körper gewählt werden. Meist kommt es erst einmal zu einem persönlichen Gespräch mit den Mönchen. Dann weiß dieser, welches Sak Yant zu welchem Träger an welcher Stelle passt. Viele Touristen, die Yantras "stylish" finden, befolgen dabei schon aufgrund der sprachlichen Barrieren nicht die Anforderungen an die Vorbereitungen zum Sak Yant. Denn das Yantra ist mehr als eine bloße Tätowierung. Mit dem Sak Yant verbunden werden auch Regeln und Leitsätze, die der Tätowierte befolgen sollte. Der Mönche, der das Sak Yant mit dem Singen oder Sprechen der Kata nach dem Stechen weiht, klärt den neuen Träger eines Yantras darüber auf – nur dass eben viele Ausländer nicht mit der thailändischen Sprache vertraut sind.

Außerdem muss der Träger sich an die Silas halten, die fünf Sittlichkeitsregeln des Buddhismus:

  1. nicht töten
  2. keine sexuellen Fehltritte
  3. nicht stehlen
  4. nicht Lügen
  5. kein Drogenkonsum

Nun pustet der Mönch auf das Sak Yant. Dadurch überträgt er einerseits seine Energie auf den Träger, andererseits lädt er das Tattoo mit Magie auf.

Der wohl bekannteste Wat für Sak Yant Tätowierungen ist der Wat Bang Phra. Die alte Tempelanlage liegt im Dorf Bang Phra, welches wiederum in der Provinz Nakhon Pathom zu finden ist. Von Bangkok aus gesehen geht es rund 50 km westlich Richtung Hua Hin in die an die Stadt der Engel grenzende Provinz. Dort müssen die Träger von Yantras aus diesem und anderen Tempeln einmal im Jahr wieder anreisen. Dann findet die Zeremonie zu Ehren der Tätowiermeister, das Wai Kru, statt. Während dieses Festivals im März wird dann das Sak Yant wieder mit Magie aufgeladen.

Die Befürchtung, dass das Sak Yant zur Modeerscheinung verkümmert

Auch in anderen Wats in Thailand können sich Interessierte tätowieren lassen. Dabei gilt zu beachten, dass jeder Tempel sein eigenes Yantra hat, dem zu Ehren er erbaut wurde oder das hier verehrt wird. Neben den Mönchen dürfen die religiösen Tattoos auch von Schamanen gestochen werden. In Tattoo-Studios ist dieser Trend längst angekommen, und laut einiger Besitzer solcher Tätowierläden können auch diese Yantras angeblich magisch aufgeladen werden. Allerdings ist das für einen wahren Gläubigen eher anzuzweifeln, da es wie bereits geschrieben ein Mönch oder Schamane sein sollte, der das Sak Yant sticht. Diesen Run auf die Yantras losgetreten hat wohl auch Angelina Jolie, die sich inzwischen zwei Sak Yant im Wat Bang Phra stechen ließ. Seither können sich die Mönche in dem bekanntesten aller Tattoo-Wats kaum vor Tätowierwilligen retten. Besonders viele Farangs sind dabei anzutreffen, und das ist der thailändischen Regierung durchaus ein Dorn im Auge, weil damit buddhistische Rituale und Traditionen als vermeintlicher Modetrend verwässert würden.

Auch Frauen können sich heute Yantras stechen lassen

Doch die modernen Zeiten bringen auch angenehmen Fortschritt mit sich. Lange Zeit wurden die Sak Yant mit Bambus-Nadeln (Mai Sak) gestochen. Dabei wird die Bambus-Nadel nicht einfach nur gestochen, sondern vielmehr geklopft. Heute werden Stäbe mit einer Metallnadel verwendet (Khem Sak). Das geht nicht nur schneller, sondern ist auch hygienischer. Zudem ist das Tätowierergebnis ist hochwertiger. Neben Männern können sich auch Frauen ein Sak Yant tätowieren lassen, allerdings geht das nicht wirklich mit den thailändischen und Khmer-Traditionen einher. Dazu kommt, dass das Tragen von Tattoos bei Frauen nicht besonders hoch angesehen ist. Viele Südostasiatinnen bevorzugen daher Tätowierungen mit unsichtbarer Tinte. Dabei ist immer darauf zu achten, dass die Frau dem Mönch nie in die Augen sieht, außerdem darf ein Mönch auch keine Frau direkt berühren. Ein unsichtbares Sak Yant hat dieselbe magische Kraft wie ein Yantra, das mit der herkömmlichen Tinte der Mönche gestochen wurde. In dieser Tinte sind oft weitere Zusätze enthalten, die aber streng geheim sind. Diese können von Schlangengift bis hin zu zerriebener Mönchshaut reichen.

Um magische Kraft zu entfalten, ist es nicht zwingend notwendig, ein Sak Yant zu tätowieren

Wer dem Glauben an Sak Yant angetan, aber kein Freund von dauerhaften Tätowierungen ist, kann sich sein Yantra auch anziehen. Denn die religiösen Motive werden auch auf Stoff gedruckt. Die Träger haben den Vorteil, dass sie dann auch in den Genuss der unterschiedlichen Funktionen der einzelnen Sak Yant kommen. In Bezug auf das Stechen eines Sak Yant sei erwähnt, dass alleine im Wat Bang Phra täglich bis zu 20 Menschen mit derselben Nadel von einem Mönch gestochen werden können. Dementsprechend mag der eine oder andere Bedenken bezüglich der Hygiene haben. Auch wenn die nicht immer vertrauenswürdig erscheint – bisher wurden weltweit keine Fälle von HIV bekannt, die auf ein Yantra zurückzuführen sind. Doch letztendlich muss das jeder für sich selbst entscheiden.

Fotos:
Sak Yant können dem Träger Kraft verleihen und ihn schützen | (c) flickr.com / Marshall Astor

Schlagwörter:
Buddhismus  Kultur

(Veröffentlicht am 30.05.2013)

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